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Aphantasie & Körper: Was speichert der Körper, wenn Bilder fehlen?

  • Autorenbild: Nadine
    Nadine
  • 8. Juli 2025
  • 3 Min. Lesezeit

Ich erinnere mich nicht in Bildern – aber mein Körper scheint nichts zu vergessen.


Seit einer akuten Divertikulitis im April beschäftigt mich mein Körper intensiver als je zuvor. Mein Darm meldete sich mit voller Wucht – und zwang mich buchstäblich zum Innehalten. Und auch wenn ich verstand, was medizinisch zu tun ist, merkte ich schnell: So einfach ist es nicht. Ich ticke eigentlich so: einmal rational verstanden, abgehakt, weiter. Aber mein Körper funktioniert nicht nach Checklisten. Was, wenn es nicht nur um Ernährung geht? Nicht nur um Stressreduktion im Alltag? Sondern um die Art, wie ich überhaupt mit mir selbst in Kontakt bin?


Ich lebe mit Aphantasie – das heißt, ich kann mir nichts bildlich vorstellen. Keine Erinnerungen als inneren Film abspielen, keine Szenen visualisieren. Diese Erkenntnis kam erst 2024 in mein Leben, aber sie wirkt gerade jetzt wie ein fehlendes Puzzleteil. Denn wenn ich nichts vor meinem inneren Auge sehe – wie verarbeite ich dann Erlebnisse, Stress, Überforderung? Wo landet all das, was andere vielleicht bewußt innerlich noch einmal durchspielen oder loslassen können?


In Büchern wie „Darm mit Charme“ oder „When the Body Says No“ wird eindrucksvoll gezeigt, wie stark unser Körper auf seelische Belastungen reagiert. Besonders der Darm ist ein sensibles Organ, das auf Stress, unterdrückte Emotionen und ungelöste innere Konflikte reagiert. Und ich frage mich: Wenn mein Kopf schnell vergisst – erinnert sich mein Körper trotzdem?


Ich glaube: ja. Ich merke es in meinem Alltag. Ich merke es in meinem Alltag. In Situationen, in denen viel auf mich einprasselt, spüre ich körperliche Reaktionen – Spannungen, Müdigkeit, Verdauungsprobleme. Nicht immer kann ich sagen, was genau der Auslöser war. Aber mein Körper reagiert, als hätte er alles mitgeschrieben.


Und manchmal frage ich mich: Reagiert mein Körper vielleicht nicht nur auf aktuellen Stress, sondern auch auf Dinge, die schon lange zurückliegen? Auf Erfahrungen, die ich nicht bewusst erinnern kann, die aber trotzdem Spuren hinterlassen haben? Gerade mit Aphantasie fällt es mir schwer, alte Erlebnisse innerlich nachzuvollziehen – sie sind oft nicht greifbar, nicht sichtbar. Aber das heißt nicht, dass sie verschwunden sind. Vielleicht verarbeitet mein Körper Dinge, die mein Kopf längst zur Seite gelegt hat. Vielleicht ist das, was sich heute als körperliches Symptom zeigt, auch Ausdruck von etwas, das nie richtig Raum bekommen hat.


Genau deshalb ist es mir heute wichtiger denn je, innezuhalten. Ich habe für mich Wege gefunden, die mich zurück zu mir bringen – auch ohne Bilder im Kopf. Durch Yoga. Durch Meditation, vor allem Body Scans, die den Fokus auf Empfindungen legen. Durch Tarot, das für mich nicht als Vorhersageinstrument dient, sondern als Einladung in die Tiefe. Ich liebe die Bildsprache - wahrscheinlich weil ich selber keine Bilder erzeugen kann, helfen sie mir, Gefühle zu greifen, Verbindungen zu spüren und innere Räume zu öffnen.


In meiner Auseinandersetzung mit IFS – den inneren Anteilen – habe ich gelernt, dass es auch ohne innere Bilder möglich ist, sich selbst zu begegnen. Ich führe innere Gespräche, oft eher über ein Gefühl oder ein körperliches Echo als über visuelle Vorstellungen. Und ich beginne zu begreifen: Aphantasie bedeutet nicht, dass ich nichts verarbeite. Es bedeutet, dass ich anders hinschauen muss.


Ich glaube, das ist gerade meine Reise: mit der Aphantasie, mit meinem Körper, mit mir. Nicht in dem Sinne, dass ich alles verstehe oder lösen kann – aber ich versuche, besser hinzuschauen. Die Aphantasie ist da. Die Divertikel auch. Beides wird bleiben. Aber ich merke, dass ich langsam beginne, anders damit umzugehen. Ich erkenne Signale etwas früher, ich nehme mich ernster.


Vielleicht wird das mit der Zeit ein verlässlicheres Frühwarnsystem. Vielleicht auch nicht. Noch bin ich mittendrin. Aber ich weiß: Mein Körper erinnert sich. Und ich lerne, ihm zuzuhören – Schritt für Schritt, auf meine Weise.

 
 
 
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