Der Aphantasie-Test: Orientierung, aber keine Schublade
- Nadine
- 14. Juni 2025
- 2 Min. Lesezeit
Wenn der Test nicht zu deiner Wahrnehmung passt

Wer sich neu mit Aphantasie beschäftigt, stößt fast automatisch auf den bekannten Aphantasie-Test — den sogenannten Vividness of Visual Imagery Questionnaire (VVIQ).
Er gilt aktuell als wissenschaftlicher Standard, um einen ersten Eindruck über die eigene Bildvorstellung zu bekommen. Auch auf unserer Seite ist dieser Test eingebunden, weil er für viele ein hilfreicher Einstieg sein kann.
Aber: Ich bekomme immer wieder Nachrichten von Menschen, die sich mit dem Test schwer tun — manchmal sogar frustriert oder verunsichert sind. 🧩 Deshalb möchte ich das Thema hier einmal einordnen.
Aphantasie: Ein Begriff, viele Wahrnehmungen
Aphantasie bedeutet, keine oder kaum bildhafte Vorstellung im Kopf zu haben.Doch dieser Satz ist eigentlich schon zu einfach.
Unsere Innenwelt ist unglaublich vielschichtig:
Manche sehen keine Bilder, spüren aber Körperempfindungen
Andere denken in räumlichen Strukturen, Formen oder Konzepten
Einige erleben eher Stimmungen, Klänge oder abstrakte Eindrücke
Und wieder andere haben lebendige Bilder, aber keine anderen inneren Sinneseindrücke
👉 Aphantasie ist also kein Schwarz-Weiß-Thema. Es bewegt sich auf einem Spektrum.
Was misst der "Aphantasie-Test" eigentlich?
Der VVIQ fragt gezielt nach visueller Vorstellung:„Stellen Sie sich z. B. einen Sonnenuntergang vor – wie klar sehen Sie Farben, Formen, Bewegungen?“
Für Menschen ohne bildhafte Vorstellung ist diese Frage meist leicht zu beantworten.Schwieriger wird es, wenn die eigene Wahrnehmung irgendwo „dazwischen“ liegt:
„Ich sehe keine Bilder, aber ich weiß genau, wo Dinge im Raum sind.“
„Ich spüre eher, als dass ich sehe.“
„Bei mir sind es eher schemenhafte Platzhalter.“
Der Test bildet solche Nuancen nur begrenzt ab, weil sein Fokus auf der bildhaften Vorstellung liegt.Entwickelt wurde er, um die Lebendigkeit visueller Bilder einzuschätzen – andere Formen innerer Wahrnehmung werden darin bisher kaum berücksichtigt.
Und trotzdem: Warum der Test hilfreich sein kann
Trotz aller Grenzen erfüllt der Test eine wichtige Funktion: Er bietet vielen Menschen erstmals eine Orientierung.
Gerade diejenigen, die ihr Leben lang dachten:"Alle ticken doch so wie ich — niemand hat wirklich Bilder im Kopf"erleben beim Test oft ihren ersten Aha-Moment:"Oh, andere sehen tatsächlich Bilder. Jetzt verstehe ich erst, was gemeint ist!" So ging es mir auch.
Der Test kann so eine erste Tür öffnen, um sich mit der eigenen Innenwelt bewusster auseinanderzusetzen.
Und wenn der Test nicht passt?
Vielleicht hast du den Test gemacht und gemerkt:"Irgendwie passt das gar nicht zu mir."
Das ist völlig in Ordnung.
Aphantasie-Forschung ist noch relativ jung. In der Wissenschaft wird inzwischen durchaus diskutiert, ob und wie auch sensorische, emotionale, narrative oder abstrakte Vorstellungsformen stärker berücksichtigt werden könnten.
Möglicherweise entstehen in Zukunft differenziertere Ansätze, die ein breiteres Spektrum innerer Wahrnehmung erfassen.
Für den Moment gilt aber:👉 Der Test ist ein Einstieg. Keine Schublade. Kein Urteil. Er hilft beim Reflektieren — aber er definiert nicht deine Wahrnehmung.
Mein Wunsch für die Community ❤️
Mir ist wichtig:Aphantasie darf ein offener Raum bleiben.
Jede Innenwelt ist individuell. Niemand muss sich in starre Raster pressen lassen.Der Test ist ein Werkzeug — nicht mehr, nicht weniger.
Und auch wenn du dich darin nicht vollständig wiederfindest: Deine Wahrnehmung ist trotzdem richtig. Deine Erfahrung zählt.
